„Ursprünglich wollte ich Medizin studieren. Doch ich wusste, dass mein Abi nicht gut genug ist.“ Friederike Müller aus Alfstedt machte aus der Not eine Tugend. Sie zog in den Südwesten Englands. Seit einem Jahr studiert die 21-Jährige in der Kleinstadt Maidstone. Ihr Berufsziel: Osteopathin. Linksverkehr, komischer Akzent und ein seltsamer Humor – derlei Gedanken schossen Friederike Müller noch vor zwölf Monaten beim Stichwort England durch den Kopf. Deshalb wollte sie die von ihr angestrebte Ausbildung zur Osteopathin lieber in Frankreich absolvieren. Daraus wurde nichts: Heute lebt die 21-Jährige in einem typisch englischen Reihenhaus in der Grafschaft Kent, spricht Englisch mit britischem Tonfall und radelt täglich auf der linken Straßenseite zur „European School of Osteopathy“. Das Gute: Sie ist richtig glücklich damit. … Hingelockt hatte sie am Ende die „European School of Osteopathy“ – eine der angesehensten Ausbildungseinrichtungen in ganz Europa in Sachen Osteopathie. Was ist überhaupt Osteopathie? „Die Osteopathie ist eine ganzheitliche Medizin“, erklärt Friederike Müller. „Sie geht davon aus, dass jeder Schmerz, also jede so genannte Dysfunktion, ihre Ursache im ganzen Körper hat.“ … Durch die Osteopathie sei sie durch ihre Mutter Ingrid gekommen. „Sie ist Krankengymnastin und hat kürzlich in Bremen eine Ausbildung zur Osteopathin abgeschlossen. Quasi hat sie mich angesteckt“, lacht die 21-Jährige. … Die private Schule, ein so genanntes Partner College der „University of Greenwich“, hat insgesamt nur 250 Studenten. Die teilen sich auf vier Jahrgänge auf. In den ersten beiden Jahren des Studiums, das nicht wie in Deutschland in Semester, sondern in so genannte Trimester unterteilt ist, wird überwiegend Theorie gebüffelt. Praktische Übungen finden in dieser Zeit nur an Mitstudenten statt. Erst in den letzten sechs Trimestern geht es in der schuleigenen „Osteopathic Clinic“ bei der Behandlung echter Patienten ans Erlernen der Praxis. Friederike gefällt die familiäre Atmosphäre an der Schule mit nur 70 Studenten in ihrem Jahrgang. „Die Kommilitonen kommen aus allen möglichen Ecken der Welt – aus Frankreich, Hongkong, Zimbabwe, Japan, Griechenland oder Spanien. Ein internationales Völkchen“ , berichtet die 21-Jährige. … Studiert wird in Maidstone von morgens gegen 9 Uhr bis abends um 17.15 Uhr. Der Vorlesungsalltag gleicht eher dem einer deutschen Fachhochschule als einer Universität und ist relativ streng geregelt. …
Osteopathie: Der amerikanische Arzt Andrews Taylor Still (1828 – 1917) begründete vor über 130 Jahren die Osteopathie. Er reagierte damit auf den Mangel an Kenntnissen der damaligen Schulmedizin. Machtlos hatte er als Arzt mit ansehen müssen, wie seine erste Frau und vier seiner Kinder an Krankheiten starben. Deshalb suchte Still nach einem neuen Verständnis von dem, was Medizin sein sollte. Stills Erkenntnisse bilden bis heute das Fundament der osteopathischen Medizin: die grundlegende Bedeutung von Bewegung für alle Strukturen im Körper, die gegenseitige Abhängigkeit von Struktur und Funktion, die Betrachtung des Organismus als untrennbare Einheit und dessen Fähigkeit zur Selbstheilung. 1874 verkündete Still seine neue, ganzheitliche Medizin und gab ihr den Namen Osteopathie. Der zusammengesetzte Begriff leitet sich aus den altgriechischen Wörtern Osteo für Knochen und Pathie für Leiden her. Mit den Knochen hatte Still seine Studien begonnen, um die Leiden seiner Patienten lindern zu können. Der Ansatz der Osteopathie ist einfach: Leben zeigt sich in Form von Bewegung. Dort, wo Bewegung verhindert wird, macht sich Krankheit breit. Die Osteopathie kennt alle kleinen und großen Bewegungen des menschlichen Körpers. Sie hilft Bewegungseinschränkungen aufzuspüren und zu lösen. Die Geschichte der Osteopathie in Deutschland ist relativ jung: In den 1950er Jahren hatten vereinzelt Heilpraktiker angefangen, osteopathische Techniken zu praktizieren, die sie im Ausland erlernt hatten. Die eigentliche Verbreitung begann erst Ende der 1980er Jahre. Osteopathieschulen, vorwiegend aus Frankreich und Belgien, gründeten deutsche Niederlassungen, an denen bis heute Physiotherapeuten sowie Ärzte, Heilpraktiker, Masseure und medizinische Bademeister die Osteopathie berufsbegleitend erlernen. 1994 wurde der Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) in Wiesbaden gegründet. Eines seiner Ziele ist die Anerkennung des Osteopathen als eigenständiger Beruf. Denn in Deutschland sind weder der Beruf des Osteopathen noch dessen Ausbildung staatlich anerkannt (außer in Hessen durch die Weiterbildungs- und Prüfungsordnung WPO Osteo) geregelt. Zudem gilt die Osteopathie als Medizin und darf daher nur von Ärzten oder Heilpraktikern ausgeübt werden. Wer weder Arzt noch Heilpraktiker ist, darf nur auf Anweisung eines Arztes oder Heilpraktikers osteopathisch arbeiten. …
Auszug aus: Bremervörder Zeitung vom 14.08.2010