Heike Philippis Tochter war ein schiefes Baby. Sie neigte den Kopf nur in eine Richtung, ihr kleiner Körper wirkte verkrampft. „Ich habe mit ihr geturnt, alles gemacht, was die Schulmedizin zu bieten hatte“, erzählt Philippi. „Aber zufrieden war ich mit den Ergebnissen nicht.“ Die Ärztin ging mit ihrem Kind zum Osteopathen. Nach wenigen Behandlungen normalisierte sich die Körperhaltung. Immer mehr Eltern vertrauen ihren Nachwuchs einem Osteopathen an, immer mehr Osteopathen bilden sich speziell für die Behandlung von Kindern fort. Das Geschäft mit den kleinen Patienten boomt. Obwohl Osteopathie in Deutschland nicht als eigenständige Heilkunde anerkannt ist und von Krankenkassen deshalb nicht bezahlt werden muss. Erst im August veröffentlichte der Vorstand der Bundesärztekammer ein Gutachten über die Behandlungsmethode, in dem es heißt: „Grundsätzlich ist festzustellen, dass einigermaßen zuverlässige Aussagen zur Wirksamkeit/Effektivität osteopathischer Behandlungen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorliegen.“ Die wichtigsten Diagnose- und Behandlungsinstrumente der Osteopathie sind die Hände des Therapeuten. Mit ihnen erspürt der Osteopath zunächst Funktions- und Bewegungsstörungen im Körper seiner Patienten. Eine Dysfunktion liegt der Therapie zufolge beispielsweise vor, wenn sich Muskeln zu sehr anspannen, wenn sich ein Gelenk nicht ausreichend bewegen oder die Lymphe nicht gleichmäßig fließen kann. Dann versucht der Therapeut mit meist sehr sanften Berührungen den Selbstheilungsprozess des Körpers anzustoßen und so diese Störungen zu beheben. „Wie das genau funktioniert, welche Wirkungsmechanismen der Osteopathie zugrunde liegen, das können selbst Experten nicht richtig erklären“, sagt Heike Philippi. Seit Osteopathie ihrer Tochter geholfen hat, forscht die Privatdozentin und ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums Frankfurt Mitte über diese Behandlungsform. „Ich wollte wissen, ob das nur ein Einzelfall gewesen ist oder eben nicht“, sagt Philippi. Unter anderem wirkte sich bisher an einer Behandlungsstudie der Mainzer Universitätskinderklinik mit. Etwa 30 Säuglinge mit Haltungsasymmetrien erhielten dabei je zur Hälfte eine osteopathische Behandlung und eine Scheintherapie. Das Ergebnis: in der Gruppe, die tatsächlich therapiert wurde, verringerte sich die Asymmetrie im Schnitt um 25 Prozent – in der Kontrollgruppe nur um vier Prozent. Untersuchungen wie diese existieren bisher aber nur wenige. Auch wenn die Forschung über Osteopathie derzeit zunimmt, werden meist nur Falldaten gesammelt, aber nicht in wissenschaftlich relevanten Gruppengrößen. Und sehr selten mit Kontrollfällen. Am besten dokumentiert ist, auch dem Gutachten der Bundesärztekammer zufolge, der parietale Bereich der Osteopathie. Also derjenige, der sich vor allem auf Muskulatur, Skelett und Bindegewebe der Patienten konzentriert und der Manuellen Medizin und der Physiotherapie sehr nahe kommt. „Es zeichnet sich beispielsweise ab, dass eine osteopathische Behandlung bei Kindern mit Störungen im oberen Halswirbelbereich Entwicklungsverzögerungen vermeiden kann“, sagt Wolfgang von Heymann, Präsident der Internationalen Ärzteförderation für Manuelle Medizin und einer der externen Experten für das Gutachten. Bei betroffenen Kindern verursachen die Gelenke der Wirbelsäule selbst oder die sie umgebende Muskulatur eine schiefe Haltung, die Schmerzen hervorrufen kann. Diese Schmerzen könnten eine mögliche Ursache dafür sein, dass manche Säuglinge fast ununterbrochen weinen und schreien. Zudem hinken Babys mit solchen Beschwerden ihren Altersgenossen oft im Erlernen von Bewegungsabläufen hinterher. Keine aussagekräftigen Studien gibt es laut Wolfgang von Heymann allerdings für den viszeralen Bereich – hier stehen die inneren Organe des Patienten im Fokus – sowie für den kraniosakralen, den Schädel-Kreuzbein-Bereich. Die anatomischen Annahmen, auf denen die Kraniosakral-Therapie beruhe, seien sogar falsch, sagt Arzt von Heymann. „Nach medizinischen Erkenntnissen existiert kein selbstständiger Liquor-Puls, der angeblich zwischen Schädel und Kreuzbein strömen soll.“ Im Gutachten der Bundesärztekammer steht dazu: Die Wirkweise der Kraniosakral-Therapie bleibe spekulativ. Wann also sollten Eltern eine osteopathische Behandlung für den Nachwuchs überhaupt in Erwägung ziehen? „Bei Asymmetrien“, meint Philippi. „Und vor allem bei funktionellen Störungen.“ Andrew Taylor Still wollte anders heilen, sanfter. Dem US-amerikanischen Arzt, der die parietale Osteopathie um 1870 herum entwickelte und lehrte, seien die Arzneien seiner Zeit teilweise suspekt gewesen, erklärt von Heymann. Still habe sich von seinen Kollegen abgrenzen wollen. Sein Konzept taufte er nach den griechischen Begriffen für Knochen („osteon“) und Leiden „pathos“). Auch Andrea Lamberts suchte nach einer Alternative zur Schulmedizin. Schon als Studentin litt sie unter Problemen mit der Bandscheibe. Die angehende Ärztin wollte ihre Rückenschmerzen unbedingt in den Griff bekommen. Aber eines wollte sie nicht: sich in so jungen Jahren operieren lassen. Sie probierte Osteopathie aus. „Seither hatte ich nie wieder Beschwerden“, berichtet Lamberts. Sie ließ sich in den USA selbst zur Osteopathin ausbilden. Heute bildet sie Kinderosteopathen aus und therapiert in ihrer Praxis in Celle vor allem Kinder. An erster Stelle steht dabei immer ein Gespräch mit den Eltern über die Schwangerschaft, die Geburt des Kindes sowie über seine bisherigen Krankheiten. Dann wird der kleine Patient – leicht bekleidet oder nackt – am ganzen Körper untersucht. Die Behandlung selbst dauert ungefähr eine halbe Stunde, kostet rund 70 Euro und sollte auf jeden Fall sehr sanft sein, also ohne ruckartige Bewegung. Wie oft die Sitzungen wiederholt werden müssen, ist individuell unterschiedlich. „Bei Kindern tritt der Effekt oft schneller ein als bei Erwachsenen und ist größer“, so Lamberts. Dysfunktionen seien nicht so verfestigt wie bei älteren Patienten. …
Auszug aus: Baby & Familie vom 01.07.2010