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VOD-Nachrichten


07.10.2015

Heilen durch Handauflegen?



Fuhrmann: Über die Akademie für Osteopathie sind in den vergangenen Jahren mehr als 160 Studien entstanden.
© VOD

Fuhrmann: Über die Akademie für Osteopathie sind in den vergangenen Jahren mehr als 160 Studien entstanden. © VOD


Medikamente und technische Hilfsmittel brauchen sie nicht: Osteopathen behandeln Patienten ausschließlich mit den Händen. An diesem Wochenende treffen sich die im Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) organisierten „Gesundheitshandwerker“ im hessischen Bad Nauheim zum Kongress. Ein guter Anlass, mit der Vorstandsvorsitzenden des VOD, Frau Prof. Marina Fuhrmann, über Grundsätzliches zu reden.

Frau Professor Fuhrmann, was macht ein Osteopath anders als ein Schulmediziner, wenn ein Patient mit Beschwerden in die Praxis kommt? Bei welchen Indikationen sind osteopathische Behandlungen Ihrer Ansicht nach sinnvoll?

Osteopathie wird vor allem bei chronischen Schmerzzuständen und auch orthopädischen Beschwerden eingesetzt. Häufig kommen Patienten, die schon bei vielen anderen Therapeuten und Ärzten waren und nicht weiter wissen. Ich habe in meiner Praxis unter anderem Patienten behandelt, die schon lange Probleme mit Kopfschmerzen hatten, Nasennebenhöhlen- oder Mittelohrentzündungen, Menstruationsbeschwerden und Schmerzen im Urogenitaltrakt. Hinzu kommen Kinder mit geburtsbedingten Schädel- und Gesichtsasymmetrien oder Spuckkinder.

Grundsätzlich kann man den Erstkontakt eines Patienten mit einem Osteopathen mit dem Erstkontakt in einer schulmedizinischen Praxis vergleichen. Auch wir machen zunächst eine gründliche Anamnese, bei der wir auch schulmedizinische Befunde abklopfen. Es ist wichtig die Krankengeschichte der Patienten – Unfälle, Operationen – zu kennen und zu wissen, welche Medikamente sie nehmen. Die typische osteopathische Untersuchung erfolgt dann ausschließlich mit den Händen. Dabei versuchen wir den Körper zu screenen und die Befunde in den Kontext der Beschwerden des Patienten zu setzen. Die Frage dabei ist: Welche Blockaden, beziehungsweise körperliche Dysfunktionen, kann ich mit den genannten Beschwerden erklären? Wie lassen sich unsere osteopathischen Befunde dazu interpretieren?

Durch die Untersuchung finden wir dann Stellen im Körper, die zum Beispiel über die fasziale Ketten diese Nervenwurzel „ärgert“. Insgesamt ist die osteopathische Diagnose eine Art Detektivarbeit unter der Grundannahme aller anatomisch-physiologischen Prozesse. Lassen Sie mich Beispiele nennen: Wenn jemand eine Brustwirbelsäulenblockade hat und die Schmerzen in den linken Arm ausstrahlen, kann das ein Indiz für Herzprobleme sein, oder auch umgekehrt. Magenbeschwerden können auch mit Spannungen am Austritt des Nervus vagus zusammenhängen. Auslöser dessen könnte ein Schleudertrauma sein, das mitunter Jahre zurück liegt.

Wenn Ihre Diagnose steht, was machen Sie dann, die Hand auflegen?

Mit Hand auflegen hat das nichts zu tun. Wie unter anderem die Faszienforschung zeigt, bietet ein Osteopath, der mit der Hand, durch Drücken oder Ziehen, diese Gewebestrukturen wieder beweglich zu machen versucht, eine physiologische zielführende Therapie an. Das ist eine individuelle Behandlung, bei der die aktuelle Situation dieses Gewebes berücksichtigt wird. Dabei kommt es auf viel Erfahrung an.

Und darin unterscheidet sich ein hauptberuflicher Osteopath sicherlich von anderen Heilkundlern. Ich will nicht sagen, dass unser Behandlungsansatz besser oder schlechter ist, es ist einfach ein anderer Zugang innerhalb der nicht invasiven Medizin, der sich mittlerweile immer größerer Beliebtheit erfreut. Wir können den Menschen in vielen Bereichen besonders gut helfen, ohne Verwendung von Medikamenten oder anderer Hilfsmittel. Zur Akzeptanz trägt sicherlich auch die Akademisierung der Osteopathie bei.

Aber wie genau funktioniert denn Osteopathie? Beruht die Wirkung nicht zu einem großen Teil auf dem Placebo-Effekt? Können Sie die Wirkweise der Osteopathie naturwissenschaftlich erklären?

Die Osteopathie ist eine komplementäre Medizin. Überall da, wo über Faszien Flüssigkeiten oder artikuläre Gleitflächen den Muskeltonus reflektorisch beeinflussen, können diese zu Bewegungseinschränkungen und Blockaden führen und physiologische Abläufe vermindern. Dies impliziert in der Folge zum Beispiel eine Störung der geweblichen Homöostase. Diese histologischen Veränderungen können mittels endoskopischen Untersuchungen, die auch innerhalb der Faszienforschung eingesetzt werden, die Effekte der osteopathischen Behandlung dokumentieren.

Über die Akademie für Osteopathie sind in den vergangenen Jahren mehr als 160 Studien entstanden, darunter viele klinische, im Großteil auch randomisiert-kontrollierte. Einige davon führten zu Publikationen in internationalen Journalen. Dort werden ganz klar Effekte osteopathischer Behandlungen gezeigt. Das Design von Placebo kontrollierten Studien ist für osteopathische Studien oft nicht sinnvoll, weil in Deutschland die Konsultation eines Osteopathen typischerweise eine bewusste Entscheidung ist.

Für Menschen, die vor dieser Entscheidung stehen, ist es von vorrangigem Interesse zu wissen, ob diese Therapie besser ist als nichts zutun oder besser ist als eine andere Behandlungsoption. Genau diese Fragen kann man mit Placebo kontrollierten Studien nicht beantworten. Dieser Ansatz hat sich übrigens unter anderem in den USA in den letzten Jahren unter dem Fachbegriff Comperative Effectiness Research als eigenständiger methodischer Standard etabliert. Natürlich sollten in einer guten Studie die Personen, die die Effekte der Intervention befunden/messen, nach Möglichkeit verblindet sein oder Messmethoden zur Anwendung kommen, bei denen eine – unterbewusste – Verzerrung ausgeschlossen werden kann.

Besonders umstritten ist die kraniosakrale Osteopathie. Sie beruht auf der Vorstellung, dass inhärente Rhythmen im Körper die Vitalität steuern und bei Störungen harmonisiert werden müssten. Das hört sich merkwürdig an. Wie steht der VOD dazu?

Aus didaktischen Gründen hat man die komplette osteopathische Bandbreite fraktioniert und in einen parietalen, viszeralen und kraniosakralen Bereich gegliedert. Letzterer beschreibt die Gesamtheit des Nervensystems, das heißt das periphere und zentrale Nervensystem, das Liquorsystem, das venöse und arterielle Blutsystem, sowie die meningealen wie auch ossären Strukturen. Während der osteopathischen Untersuchung und Behandlung werden diese drei Bereiche immer als ein System wahrgenommen.

In der Tat ist die sogenannte kraniosakrale Osteopathie bislang am wenigsten mit Studien nach modernen Standards wissenschaftlich untersucht. Damit kann man keine seriöse Aussage treffen, ob sie unwirksam ist, es ist aber auch nicht wissenschaftlich belegt, dass sie unwirksam ist. Für Patienten entscheidend ist die Frage der Wirksamkeit und nicht die Richtigkeit des derzeit propagierten Modells. Leider sind bislang stattliche Forschungsmittel für die Untersuchung dieser Fragen im Gegensatz zu zum Teil wesentlich weniger relevanten Fragestellen aus den Bereichen Pharmazie und Medizintechnik nicht zur Verfügung gestellt worden.

Informationen zum VOD Kongress gibt es unter www.osteopathie.de/kongress. Und zur Akademie für Osteopathie unter www.german-afo.de
 
 
Arndt Petry

Quelle: www.änd.de

Link: https://www.osteopathie.de/n1444207800



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