VOD-Nachrichten


15.06.2020

„Viele gute persönliche Erfahrungen mit Osteopathie gemacht“


Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, Kuratoriumsmitglied des VOD
Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, geboren 1961 in Bad Waldsee als Sohn eines Kneipp-Arztes, ist Internist, Ernährungsmediziner und Fastenarzt. Als Professor für Klinische Naturheilkunde der Charité Berlin und Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin forscht, lehrt und behandelt er mit den Schwerpunkten der Ernährungsmedizin, des Heilfastens, des Intervallfastens und der Mind-Body-Medizin. Michalsen publiziert und referiert international im Bereich der Naturheilkunde und Komplementärmedizin und ist Autor zweier Bestseller. Prof. Marina Fuhrmann, Vorsitzende des Verbandes des Osteopathen Deutschland (VOD) e.V., führte ein Interview mit ihm.
Prof. Marina Fuhrmann: Herr Prof. Michalsen, Sie sind seit 2018 Mitglied des Kuratoriums des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD). Ziel dieses Thinktanks ist es, die Osteopathie zu stärken, den interdisziplinären Austausch zu fördern, neue Perspektiven zu vermitteln, Projekte anzustoßen und sich gegenseitig durch innovative Ideen zu befruchten. Was hat Sie veranlasst, Teil des Kuratoriums zu werden?

Prof. Michalsen: Die Osteopathie verkörpert in hervorragender Weise den ganzheitlichen Ansatz guter komplementärer und integrativer Medizin. Sie verbindet eine ganzheitliche, ursachenzentrierte Sicht auf Beschwerden und Krankheitskomplexe und behandelt in besonderer und umfassender Weise patientennah und manuell. In der Bevölkerung ist sie sehr geschätzt und nachgefragt, in der Verankerung der modernen Medizin teilt sie aber das Schicksal vieler komplementärer und naturheilkundlicher Methoden: Es steht keine finanzstarke Industrie dahinter und es ist schwierig angemessene Förderung, gerade auch für den wissenschaftlichen Bereich und die Durchführung von Studien, zu generieren. Vor diesem Hintergrund sind ein interdisziplinärer Austausch, innovative Vernetzung und das Anstoßen von Projekten sehr wichtig.
 
Prof. Marina Fuhrmann: Die Osteopathie ist eine manuelle ganzheitliche Medizin, die stets den kompletten Menschen im Blick hat und nach Ursachen sucht, statt nur Symptome zu behandeln. Was verbinden Sie persönlich mit der Osteopathie? Haben Sie eigene Erfahrungen gemacht?
 
Prof. Michalsen: Ich selbst und meine Familie haben viele persönliche gute Erfahrungen mit Osteopathie gemacht. Auch bei unterschiedlichsten Indikationen waren es sehr gute und erfolgreiche Behandlungen. Darüber hinaus hat sich auch bereits mein Vater, der selbst Arzt für Naturheilverfahren war, mit der manuellen Therapie und Osteopathie beschäftigt. Da hatte ich sehr früh mitbekommen, dass es eine wirksame Therapie für viele Patienten sein kann.
 
Prof. Marina Fuhrmann: Ihre Bücher „Mit Ernährung heilen“ oder „Heilen mit der Kraft der Natur“ sind Bestseller geworden. Machen Sie daran sowie am Denken und Verhalten Ihrer Patienten im Immanuel Krankenhaus Berlin einen Trend in der Bevölkerung zum gesünderen, bewussteren Lebensstil fest?
 
Prof. Michalsen: Auf jeden Fall sehe ich einen starken Trend in der Bevölkerung hin zu einem Bedürfnis nach ganzheitlicher, naturheilkundlicher und lebensstilzentrierter Prävention und Therapie. Dies fügt sich ein in die immer deutlich werdende Erkenntnis, dass wir als Menschheit mit fast 8 Milliarden Bevölkerung nicht gegen die Natur und die Biologie leben können. Das ist weder für die Umwelt und den Planeten gut, noch für den eigenen Körper und damit sind wir mittendrin in den Themen der modernen Naturheilkunde, die sich mit einem gesundheitsfördernden Lebensstil mit der klu-gen Anwendung von Nahrung, Licht, Wasser, Bewegung, Berührung und Entspannung befasst und sie zielführend für eine erfolgreiche Prävention und Therapie einsetzt.
 
Prof. Marina Fuhrmann: Sie sind Professor für Klinische Naturheilkunde. Welche Vorteile haben ganzheitliche, naturheilkundliche Verfahren in Ihren Augen im Vergleich oder als Ergänzung zur Schulmedizin?
 
Prof. Michalsen: Es gibt gleich mehrere Vorteile der Sichtweise und Therapieansätze der Naturheilkunde: Zum einen ist sie wirklich ganzheitlich, das heißt mit einem naturheilkundlichen Ansatz, wie zum Beispiel mittels Kneippgüssen, manueller Therapie oder Fasten, der für eine Indikation verordnet und durchgeführt wird, lassen sich gleichzeitig gesundheitliche Effekte auf ganz andere Beschwerden und Erkrankungen erzielen. Dies ist in der konventionellen pharmakologischen, chirurgischen Therapie fast nie der Fall. Dort wird ein Problem, eine Krankheitsursache identifiziert und dann zielgerichtet nur dieser kleine Ausschnitt behandelt. Das ist unstrittig sehr wichtig und auch sehr erfolgreich in der Problemlösung, die Naturheilkunde hat aber eine sehr viel breitere Wirkung und damit auch eine Nachhaltigkeit. Zum anderen fördert die Naturheilkunde die weitere Eigenaktivität der Patienten. Die Patienten werden nicht mehr nur passive Empfänger einer technischen Medizin, die sie nicht verstehen, sondern sie können selber aktiv teilhaben am Therapieprozess. Dies ist ein sehr starker Verstärker für Selbstheilungsprozesse. Daher zeigen auch viele Naturheilkundeverfahren, neben ihrem spezifischen Effekt, einen deutlichen Placebo Effekt. Dies ist kein Nachteil, sondern zeigt im besonderen Maße, wie stark die Selbstheilungskräfte in der Naturheilkunde angesprochen werden. Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Naturheilkunde eine günstige Medizin ist. Bedenkt man hier noch die Nachhaltigkeit hinzu, so ist es schwerlich zu verstehen, warum eine gesundheitsökonomisch so hervorragend positionierte Medizin immer noch zu wenig Achtung im Gesundheitswesen findet.
 
 
Prof. Marina Fuhrmann: Der VOD fordert die Anerkennung des Berufs Osteopath/in und die Regelung der Ausbildung, um den Patientenschutz und Rechtssicherheit in der Ausübung der Osteopathie zu gewährleisten.
Unterstützen Sie dieses Anliegen?
 
Prof. Michalsen: Für die Weiterentwicklung und den Erfolg naturheilkundlicher Verfahren und der Osteopathie ist es ganz wesentlich und unabdingbar, Ausbildung, Qualifikation, Patientenschutz und geschützte Anerkennung auf den Weg zu bringen. Ich unterstütze daher dieses Anliegen sehr.
 
 
Prof. Marina Fuhrmann: Vielen Dank für das Interview!










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