VOD-Nachrichten


18.08.2022

„Die Stärke der Osteopathie liegt in der Verletzungsprävention“


Interview mit Tobias Billert, Osteopath der deutschen Kunstturner bei den European Championships in München 2022
 
VOD: Herr Billert, sie behandeln die deutschen Kunstturner in der Vorbereitung und bei den European Championships in München. Was ist die Herausforderung für einen Osteopathen bei einer so kraftfordernden und komplexen Sportart mit mehreren Geräten?

Tobias Billert: Im Kunstturnen ist der Körper durch seine hohen Zug- und Zentrifugalkräfte insbesondere an den Ringen und am Reck, aber auch mit seinen hohen Impact-Kräften zum Beispiel bei den Landungen am Boden oder am Sprung, starken Belastungen ausgesetzt. Durch die hohe technische Komplexität der unzähligen Elemente an den verschiedenen Geräten wird dem Körper zusätzlich ein hohes Maß an Kraft und Mobilität abverlangt. Die Herausforderung für den Osteopathen besteht im Allgemeinen darin, trotz all dieser verschiedenen Einflüsse den Körper in der Homeostase (Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen) zu halten. Die Verletzungsprävention ist in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus der medizinischen Betreuung im Spitzensport gerückt. Die Stärke der Osteopathie sehe ich, natürlich neben der kurativen Versorgung der Sportler, genau hier.

VOD: Welche Probleme treten bei Hochleistungsturnern am häufigsten auf?

Tobias Billert: In der Verletzungsstatistik im Turnen steht die Sprunggelenksverletzung neben Schulter- und Knieverletzungen an vorderster Stelle. Die Verletzungsmechanismen beim Sprunggelenk liegen hierbei hauptsächlich in den Landungen oder in (reaktiven) Absprüngen am Boden, so wie bei Landungen vom Gerät und durch Umknicken, zum Beispiel über Mattenkanten. Bei den Überlastungsschäden im Turnen nimmt die Schulter je nach Statistik mit bis zu 40 % einen vorderen Platz ein. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Die hohen Beschleunigungs- und Zentrifugalkräfte an den Ringen (bis zum 12-fachen des Körpergewichts) und am Reck (bis zum 9-fachen) spielen hier sicherlich eine große Rolle. Durch den hohen Anteil der akrobatischen Bahnen und der Höchstschwierigkeiten am Boden, haben die akuten Knieverletzungen zugenommen. Ursache hierfür sind unvollständige Längsachsendrehungen, insbesondere bei Kombinationssprüngen, aber auch Überstreckungstraumata zum Beispiel am Sprung.

VOD: Wie gehen Sie dann beispielsweise vor?
 
Tobias Billert: In der Vorgehensweise müssen wir zwischen akuten Verletzungen und Überlastungsschäden unterscheiden. Bei den akuten Verletzungen ist und bleibt das PECH-Schema (P=Pause, Abbruch der körperlichen Aktivität, klinische Untersuchung; E=Eis, Kühlung der betroffenen Region mit Eis, Eiswasser oder Kühlspray; C= Compression, Anlegen eines Druckverbandes und H=Hochlagern) in Verbindung mit Salben bzw. Tape-Verbänden bei uns die Therapie der Wahl. Was die Überlastungsschäden betrifft, steht immer die Frage nach der Ursache im Raum. Hier müssen wir zwischen der Trainingssteuerung, die durch den Trainer festgelegt wird und eventuellen körperlichen Ursachen (wie z.B. Mobilitätsdefiziten oder muskulären Dysbalancen, die eher in den Bereich der medizinischen Betreuung fallen) unterscheiden. Bei der Behandlung dieser Verletzungen liegt dann ein interdisziplinärer Austausch zwischen Trainer und Osteopath zu Grunde. Bei den Überlastungsschäden sind aus osteopathischer Sicht meiner Erfahrung nach Ursache-Folge-Ketten genauso oft zu finden, wie akute Blockierungen oder auch fasziale Einschränkungen. Ich selbst versuche deshalb größten Wert auf die osteopathische Befundung zu legen, um ein optimales Behandlungsergebnis zu erzielen.
 
VOD: Ist es von Vorteil für die Behandlung, dass Sie selbst Turner und sogar Vize-Junioren-Europameister waren und wenn, inwiefern?
 
Tobias Billert: Jede Sportart hat zumeist ihre eigene Sprache. Im Turnen sind es zum Beispiel Eigennamen von Elementen. In der Kommunikation zwischen Turner und Osteopath ist es schon von Vorteil, sofort zu wissen, um welchen turnspezifischen Bewegungsablauf es sich handelt. Wenn der Osteopath dieses Element dann früher selbst geturnt hat und dadurch eigene Bewegungserfahrung hat, ist das sicherlich ebenfalls förderlich.
 
VOD: Wie zeitintensiv war die osteopathische Vorbereitung auf die Wettkämpfe für Sie und wie können wir uns Ihren Alltag in München vorstellen?
 
Tobias Billert: Die Frage über die Zeitintensität lässt sich nicht eindeutig beantworten, da ich Turner seit fast 20 Jahren begleite und über das gesamte Jahr Trainingslager beziehungsweise Wettkämpfe stattfinden. Die längerfristige Vorbereitung für die European Championships begann circa ein Jahr vorher. Die intensive Vorbereitung auf die Wettkämpfe (die sogenannte unmittelbare Wettkampfvorbereitung) hat bei uns zwei Wochen vor den Wettkämpfen begonnen. Insgesamt durfte ich dieses Jahr circa vier Wochen das Turn-Team Deutschland als Osteopath begleiten. Die Betreuung in München wird durch die Trainings- beziehungsweise Wettkampfzeiten bestimmt. Die Behandlungszeiten liegen hier meist vor, aber insbesondere nach der Belastung. Es wird dann am Abend meist auch mal etwas später. Dafür hat man das Privileg, beim Wettkampf neben dem Trainer direkt im sogenannten Innenraum bei der Mannschaft zu sein, um bei hoffentlich nicht vorkommenden Akutverletzungen Erstmaßnahmen einleiten zu können.
 
VOD: Rechnen Sie mit Medaillen für die deutschen Kunstturner?
 
Tobias Billert: Ja, Insbesondere unserer Vize-Olympiasieger Lukas Dauser ist an seinem Paradegerät Barren ein Medaillenkandidat. Aber auch die deutschen Juniorenturner, die ebenfalls ihre Europameisterschaften in München haben, können sich Hoffnung auf Edelmetall machen.
 
VOD: Wir drücken die Daumen und danken ganz herzlich für das Interview!
 






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