
Erstmals war die Osteopathie beim 5. Psychoneuroimmunologie-Kongress in Innsbruck vertreten. Der Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) beteiligte sich gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) mit einem Informationsstand und war auch fachlich im Kongressprogramm präsent. Vom 2. bis 4. Oktober 2026 kamen unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Christian Schubert zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Gesundheitsberufe zusammen, um sich über aktuelle Erkenntnisse und Perspektiven der Psychoneuroimmunologie auszutauschen.
Die Osteopathie war dabei gleich auf mehreren Ebenen präsent: VOD-Mitglied Michaela Dippon gestaltete einen zweistündigen Workshop, während Dr. Andreas Brandl im großen Plenum über Faszien und den Einfluss von Stress auf dieses Gewebe sprach. Damit bot der Kongress die Möglichkeit, die Osteopathie in einen direkten interdisziplinären Austausch mit Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Psychologinnen und Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiatern sowie Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen zu bringen.„Gerade dieser interdisziplinäre Rahmen hat den Kongress für die Osteopathie besonders interessant gemacht“, sagt Sidney Chamberlain, Mitarbeiterin des VOD. „Wir wollten nicht nur über Osteopathie informieren, sondern vor allem mit anderen Gesundheitsberufen ins Gespräch kommen und erfahren, welche Fragen und Erwartungen sie an unseren Beruf haben.“
„Besonders spannend waren die Gespräche mit Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten“, so Chamberlain. „Einige suchten ganz konkret nach Möglichkeiten, ihre Arbeit durch einen körperorientierten Ansatz zu ergänzen. Es ging also nicht nur um die Frage, was Osteopathie ist, sondern auch darum, wie eine Zusammenarbeit konkret aussehen könnte.“
Auch Daniela Bockius, Mitglied im Beirat des VOD, sieht in diesem Austausch einen wichtigen Schritt für die Osteopathie. Wenn unterschiedliche Gesundheitsberufe miteinander ins Gespräch kommen, entstehe die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu entdecken, voneinander zu lernen und gleichzeitig die jeweiligen Grenzen und Kompetenzen besser zu verstehen. Genau dieser Dialog ist für eine moderne und patientenzentrierte Gesundheitsversorgung wichtig.
Osteopathie praktisch erleben
Ein Höhepunkt des Kongresses war der Workshop von Michaela Dippon mit dem Titel „Osteopathie ist Bewegung: Body, Motion and Mind“. Rund 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten über zwei Stunden einen Einblick in die Geschichte, die Denkweise und die praktische Arbeit der Osteopathie.
Nach einer Einführung in die Grundlagen ging es schnell in den praktischen Teil. Dippon machte deutlich, dass die Ursache eines Symptoms nicht zwangsläufig dort liegen muss, wo es von Patientinnen und Patienten wahrgenommen wird. Mit Tüchern, einem Wirbelsäulenmodell und Steinen veranschaulichte sie Zusammenhänge und Bewegungsprinzipien auf anschauliche Weise.
Anschließend konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in angeleiteten Palpationsübungen selbst erfahren, wie sich osteopathische Diagnostik anfühlen kann. So wurde aus der zunächst theoretischen Vorstellung der Osteopathie eine unmittelbare praktische Erfahrung.
„Das war ein wichtiger Moment, weil Osteopathie dadurch nicht nur erklärt, sondern unmittelbar erfahrbar wurde“, sagt Chamberlain. „Viele Fragen lassen sich im persönlichen Austausch leichter beantworten, wenn man einen praktischen Eindruck davon bekommt, wie Osteopathinnen und Osteopathen arbeiten.“
Im anschließenden Austausch wurden außerdem mögliche Schnittstellen mit den unterschiedlichen Fachrichtungen diskutiert.
Besonders bereichernd war, dass auch einige Osteopathinnen und Osteopathen am Workshop teilnahmen. Sie kamen aus unterschiedlichen Schulen und brachten verschiedene Ausbildungshintergründe und Perspektiven mit. Gerade dadurch wurde eine große Gemeinsamkeit innerhalb der Osteopathie sichtbar.
„Die Vielfalt innerhalb der Osteopathie war deutlich spürbar – und gleichzeitig auch eine große Gemeinsamkeit“, beschreibt Chamberlain die Atmosphäre. Für diesen gemeinsamen Auftritt traten die Unterschiede zwischen den einzelnen Hintergründen in den Hintergrund. Die Osteopathie konnte sich in Innsbruck als vielfältige, aber dialogbereite Profession zeigen.
Wenn Wissenschaft neugierig macht
Auch Dr. Andreas Brandl war im großen Plenum vertreten. Sein Vortrag beschäftigte sich mit Faszien und dem Einfluss von Stress auf dieses Gewebe. Dabei ging es nicht unmittelbar um Osteopathie – und gerade das machte seinen Beitrag für den interdisziplinären Kongress besonders passend.
Dr. Brandl stellte sich als Sportwissenschaftler, Statistiker und Osteopath vor und verband wissenschaftliche Inhalte mit persönlichen Anekdoten und anschaulichen Beispielen. Dadurch wurde der Vortrag nicht nur informativ, sondern auch ausgesprochen lebendig.
„Dass Wissenschaft durchaus Spaß machen kann, war bei diesem Vortrag unmittelbar zu spüren“, berichtet Chamberlain. „Aus dem Publikum kam später der Satz: ‚So viel Spaß kann Wissenschaft machen.‘ Das war eine kleine Bemerkung, die viel über die Atmosphäre des Vortrags ausgesagt hat.“
Auch wenn die Osteopathie selbst nicht im Mittelpunkt des Vortrags stand, war die persönliche Vorstellung Brandls als Osteopath ein wichtiger Beitrag zur Sichtbarkeit des Berufs. Auch dieser Vortrag führte dazu, dass im Anschluss einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezielt den gemeinsamen Stand von VOD und OEGO aufsuchten, um mehr über die Osteopathie zu erfahren und die angesprochenen Themen weiter zu vertiefen.
Gerade weil die Osteopathie selbst eine große Vielfalt an Schulen, Ausbildungswegen und therapeutischen Perspektiven vereint, war es besonders bemerkenswert zu erleben, wie selbstverständlich diese Unterschiede bei dem gemeinsamen Auftritt in den Hintergrund traten.
„Nicht alles muss gleich sein, damit man gemeinsam für etwas stehen kann“, fasst Bockius zusammen. „Die unterschiedlichen Perspektiven innerhalb der Osteopathie sind eine Realität und zugleich eine Stärke. Entscheidend ist, dass wir uns über gemeinsame Ziele verständigen und diese auch gemeinsam vertreten.“
Ein wichtiger Schritt für die Osteopathie
Interdisziplinäre Veranstaltungen auf einem solchen fachlichen Niveau sind für die Osteopathie von besonderer Bedeutung. Sie bieten die Möglichkeit, mit anderen Gesundheitsberufen ins Gespräch zu kommen, die eigene Arbeitsweise verständlich zu vermitteln und gleichzeitig die Perspektiven anderer Fachrichtungen kennenzulernen.
Eine solche Begegnung trägt dazu bei, die Osteopathie als Profession sichtbar zu machen, die sich dem interdisziplinären Austausch stellt und ihren Platz in einer modernen, patientenzentrierten Gesundheitsversorgung weiterentwickeln möchte.
Denn genau darum geht es letztlich allen Berufsgruppen im Gesundheitswesen: Patientinnen und Patienten bestmöglich zu begleiten und unterschiedliche Perspektiven sinnvoll miteinander zu verbinden.
Der 5. PNI-Kongress war deshalb für den VOD weit mehr als eine Gelegenheit, Informationsmaterial zu verteilen. Er bot die Möglichkeit, Beziehungen aufzubauen, Fragen zu beantworten, Berührungsängste abzubauen und die Osteopathie dort sichtbar zu machen, wo interdisziplinärer Austausch gelebt wird.




